Wenn das Paradies zum Alptraum wird Teil 1
Dienstag auf Mittwoch 11./12.Dezember 2007
Tropensturm ist angesagt … soll längs durch die Dom.Rep. ziehen.
Für uns jedoch sollte er keine Gefahr darstellen.
Schon am Nachmittag wurde vom EW der Strom abgeschaltet – also kein Strom, kein Internet … ,
aber das sind wir uns ja gewohnt.
Bei Kerzenlicht machten wir es uns gemütlich und genossen ein Käsefondue.
Der Wind pfiff bereits recht stark um die Ecken. Es braute sich schon recht was zusammen,
doch absolut nichts beängstigendes. Hatten wir doch am 15. Sep. 2004 einen Hurrikan erlebt.
Nun – der Wind wechselte zum Sturm.
Zum Glück regnet es nicht so stark, da gibt es wenigstens kein Hochwasser ... und wenn,
aus Erfahrung wissen wir, dass es höchstens bis 1cm unter die Terrasse kommen kann.
Da wir weder Strom noch Internet hatten gingen wir frühzeitig ins Bett.
Immer wieder wachte ich auf und beobachte wie das Wasser bereits auf der Wiese liegt.
Irgendwie bin ich unruhig habe Durchfall, auch die Hunde geben keine Ruhe.
Ca. 5:30 stehe ich auf, das Wasser ist schon auf der Terrasse, sofort wecke ich Werner.
„Scheisse“ das kann doch nicht sein" so seine Antwort.
Sehr schnell dringt das Wasser ins Haus.
Es ist ja dunkel – wir haben kein Strom nur eine Taschenlampe.
Können irgend wie gar nicht richtig reagieren. Aber das Wasser steigt und steigt.
Was machen wir mit all den Möbeln?
Mit Schreck stellen wir fest, dass das Wasser bald an den Steckdosen steht.
Also alle Sicherungen raus und alle Stecker raus. Stromschienen in die Höhe, Musikboxen höher stellen.
Wasser ist schon fast in den Kästen … Schuhe und Kleider in den unteren Regalen auf einen Stuhl.
Wir gehen auf die Terrasse; Schitt, unsere Videos … alle auf den Tisch.
Zurück ins Haus:
Unser UPS und PC stehen schon 1cm im Wasser – also in die Höhe.
Badezimmer: Frottewäsche auf die Lavabo-Abdeckung damit noch etwas trocken bleibt.
Ich muss alle 10 Min. aufs Klo (Durchfall) dieses kann ich aber nicht spülen.
Das Wasser kann ja nicht mehr ablaufen … und immer noch ist es dunkel.
Vorhänge; ich sehe dass der Saum schon im Wasser steht, also in alle Vorhänge einen grossen Knopf,
so sind sie wenigstens 60cm ab Boden, keine Zeit um abzunehmen.
Scheissee unser Fotoalbums, alles schon 15cm im Wasser, scheissee alle meine Erinnerungen.
Alle Alben aufs Bett stellen damit sie austrocknen können und der Schaden begrenzt werden kann.
Das Wasser steigt und steigt.
Musikkassetten mit Tuner, Schallplatten und Videorekorder schon alles im Wasser – schon zu spät.
Es fehlt nur noch 1cm, dann ist das Wasser an der Bettkante angekommen.
Sofort die Matratzen aufstellen. Nachttische auf die Kommode und das in beiden Zimmer.
Es geht Schlag auf Schlag, wir haben gar nicht so viele Hände.
Langsam wird es hell und wir können doch wenigstens besser sehen.
Der kleine Kühlschrank im Gästezimmer fängt an zu schwimmen, sofort auf einen Stuhl.
Die Gefriertruhe schwimmt auf der Terrasse. Wir versuchen sie auf einen kleinen Beistelltisch
zu stemmen – schwer, schwer, dieser kracht zusammen.
Also auf eine Truhe, aber sehr viel wertvolle Zeit für Anderes verloren.
Was mit den Hunden ---?
Sie stehen bis zum Bauch im Wasser, die Katzen miauen.
Wir müssen aufpassen, dass keine Panik ausbricht – nur ruhig bleiben.
Nun alle Polster von den Sofas auf die Matratze welche im Gästezimmer auf beiden Nachttischen
liegt die bereits schon auf dem Bettgestell stehen.
Unser kleiner Glastisch im Wohnzimmer fängt an zu schwimmen – sofort Vasen und
andere Dekor-Gegenstände auf den grossen Esstisch.
Scheisse, scheisse das Wasser steigt und steigt. Uns fehlen sicher 100 Hände.
Was mit den Hunden, alle auf das Bettgestell in unserem Zimmer und dieses als Floss benutzen,
denn Aga und Nera sind hoch trächtig, in ca. 2 Wochen sollten die Jungen kommen.
Leichter gesagt als getan. Nera ist die einzige die bleibt alle andern springen auch nach dem 3. Versuch
immer wieder runter.
Mittlerweile steht schon alles mehr als 50cm im Wasser. Chancenlos etwas zu retten.
Der Geschirrschrank schwimmt die Betten schwimmen, Tische und Stühle.
Natürlich sind die Toiletten nicht mehr zu sehen und die Fäkalien kommen uns entgegen.
Was machen wir mit den Tieren?
Ja – was machen wir wenn das Wasser steigt und steigt, nur noch die Küchenabdeckung ist im
Trockenen alles andere unter Wasser.
Irgendwann sagte ich: „Werner ich verlasse mit den Hunden das Haus und bringe sie zum ca. 140 m
entfernen unbewohnten Haus. Dort ist die Terrasse viel höher.
Unser Haus ist ca. 80 cm über Terrain und das Wasser stand zu diesem Zeitpunkt ca. 60 cm, also 1.40m.
Ich bin gerade mal 1.60 wenn ich mich gross mache.
Ich nahm ein grauer Eimer mit Hundefutter ... (nenne ihn nur noch Überlebenseimer).
Legte Handy und eine Hundeleine dazu und so schwamm ich mit meinen Hunden davon.
Einfach sensationell wie die Hunde ohne wenn und aber folgten.
Wir hatten jene Hindernisse zu überwinden.
Sah, dass ein Baum auf meinem über alles geliebten „Pfupfi“ Auto lag und dieses schon bis zur Hälfte
mit Wasser gefüllt war, ebenfalls der grosse Volvo von Werner.
Ein Rind kommt mir entgegen geschwommen und brüllt.
Ich rufe Werner noch zu … :
"Mach die Katzenkörbe bereit. Ich komme zurück und nehme dann die Katzen mit".
Wir, die Hunde und ich schwimmen weiter, immer darauf bedacht, dass mein Überlebenseimer
resp. der Inhalt trocken bleibt.
Endlich sind wir am Nachbarhaus angekommen und sofort binde ich meine Hunde an die eine Leine
und mache sie an der Türklinke fest, denn rundherum brüllen die Rinder und meine Hunde natürlich sehr
nervös. Beruhige sie erst Mal, bleibe noch 5 Minuten aber dann muss ich wieder zurück die Katzen holen.
Werner steht auf der Terrasse mit 2 Katzen auf dem schwimmenden Geschirrschrank.
"Wo ist Wuschel unser Kater?". „Nicht auf zu finden“ sagt Werner.
Ich suche und suche. Gehe von Zimmer zu Zimmer und sehe wie alle Kastentüren offen stehen.
Kleider, Schuhe …. einfach alles schon herum schwimmt.
Schreie nach Wuschel und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht die Fassung verliere.
Helfe Werner die anderen zwei Katzen in die Katzenbox zu schliessen und sage:
„Geh du mal mit den Katzen voraus solange du noch irgendwie stehend zum Nachbarhaus kommen kannst.“
Ich gehe wieder ins Haus und suche Wuschel. Gehe auf die hintere Terrasse.
Ich könnte schreien ich finde keine Worte. Gehe zurück ins Haus.
In diesem Moment kommt der riesige Kühlschrank, hebt sich kippt nach hinten und sprengt mir fast
den keinen Tisch der mit der Küchenkombination verbunden ist – aber er hält noch.
Nun muss ich via schwimmenden Rundeckbank über die Küchentheke klettern. Der Durchgang in die
Küche ist nun von dem grossen Kühlschrank versperrt worden.
Fülle meinen Überlebenseimer den ich wieder mitgenommen habe mit einer kleinen nur noch
zu einem viertel gefüllten Flasche Wasser und einem Rest Brot. Klettere wieder zurück und nehme
meine Geldbörse, T-Shirt, kurze Hose und zwei Badetücher mit. Unterwäsche nicht mehr möglich,
alles schon im Wasser.
Ich muss raus, habe Angst vor dem Ammoniak (Kühlschrank)– kann ja eh nichts mehr machen.
Ohne Wuschel einfach nur mit der Habseligkeit im Eimer verlasse ich mein Haus …
und höre die Schweine schreien.
Ach Gott… wie in Trance gehe ich weiter.
Noch mehr Palmwedel noch mehr Holz versperren mir den Weg und das Wasser steht mir am Hals.
Beide Autos bis unters Dach gefüllt.
Ich bin wieder auf der Terrasse im Nachbarhaus im Trockenen.
Die Hunde immer noch patsch nass die Katzen verstört – und weg.
Bleibe wieder etwas bei den Tieren und versuche einfach ruhig zu bleiben.
Zum Glück habe ich ein wenig Brot und etwas Wasser wir müssen ja bei Kräften bleiben.
Mittlerweile sind die beiden Badetücher nass. Ich friere, wir müssen unbedingt trockene und wärmere
Kleider holen.
Also wieder beide ins schlammige Wasser und die 140m kommen mir wie ein km vor.
Zu Hause angelangt ……
Ausser der Küche und dem grossen schweren Wohnzimmer-Geschirrschrank steht nichts mehr am gleichen Ort.
Alles schwimmt herum.
Als letztes nehmen wir den Rechner und stellen ihn auf den grossen Wohnzimmer-Geschirrschrank
Schnell, schnell ein Regal auf den schwimmenden Schreibtisch und Modem, Bildschirm, Maus und
Kleinzubehör darauf. Jeder cm höher kann evtl. von Nutzen sein.
Laptop auf den Kasten …. Es pressiert !!
Die Gefahr wird immer grösser. Ich weiss, dass ich jetzt für lange Zeit das letzte mal im Haus sein werde.
Zu den Pässen und sonstigen Papieren kommen wir nicht mehr.
Aber alles egal, ich muss Wuschel finden es ist die aller letzte Möglichkeit.
Wieder suche ich – umsonst.
Irgend wie, irgend wann habe ich mein Herz ausgeschaltet.
Suche den Fotoapparat und finde ihn sogar und erst noch trocken.
Total cool nehme ich den Ist-Zustand auf bevor ich „das sinkende Schiff verlasse.“
Werner nimmt noch ein Trainer und trockene Badetücher mit.
Was habe ich dabei … ich weiss es nicht mehr – habe eine Lücke.
Völlig erschöpft kommen wir wieder zu den Hunden auf der Terrasse beim Nachbarhaus an.
Ziehen die nassen Klamotten aus und trocknen uns. Aber uns ist kalt.
Durch den anhaltenden Regen ist die Terrasse ja auch nass und wir nichts trockenes an den Füssen.
Alle Schuhe schwammen schon längst herum.
Wir versuchen zu telefonieren um Hilfe an zu fordern.
Das wenige Trinkwasser war längst aufgebraucht und ich hatte Durst.
Aber alle Festnetze waren „tot“.
Endlich erreichen wir einen Schweizer-Freund der verspricht Hilfe zu organisieren.
Lange hören wir nichts. Sind total von der Aussenwelt abgeschnitten und das Wasser steigt immer noch.
5 Rinder schwimmen zu uns auf die Terrasse und retten sich.
Miki, unser Rechtsberater, der von unserem Schweizer-Freund benachrichtigt wurde ruft an.
„Ich bin am organisieren, haltet durch“ und ich sage:
"Bitte organisiere Trinkwasser für uns, dann können wir schon noch etwas aushalten wir sind ja im Moment
noch im trockenen. Rettet zuerst die Bevölkerung die noch schlimmer dran sind als wir.“
Kurz darauf kommt ein Kanu mit jungen Männer vorbei. Sie lachen und paddeln weiter.
Kaum danach hören wir Stimmen, sie kommen aus der Richtung von unserem Haus.
Scheisse das darf doch nicht wahr sein …. Sag nicht dass dies schon die ersten. Plünderer sind.
Werner sagt sofort: „Ich gehe zurück zum Haus und sehe nach.“
„Neiiiin, bitte bleib da, ich will nicht, dass du dich in Gefahr bringst.“
Aber er ist unbelehrbar. „Dann nimm wenigstens dein Handy mit damit du ein SOS machen kannst.“
Ich starte fast durch vor Angst. Mein Herz klopft bis zum Hals.
Ich muss mich beschäftigen. Futtere die Hunde. Dann lass ich einen um den anderen von der Leine
damit sie sich endlich mal versäubern können.
Es ist ja schon 11.30 Uhr.
Ein riesiges Problem kommt auf mich zu.
Erklär mal einem stubenreinen Hund, dass er auf die Terrasse "scheissen" muss.
Aber irgend wie verstanden sie mich und so konnte sich jeder der Reihe nach entleeren.
Mit einem alten herumstehenden Besen reinigte ich die Terrasse.
Selber musste ich alle 5 Minuten meine fast unterkühlte Blase und mein überreizten nervigen Darm
(natürlich gleich wie die Hunde) entleeren. Fragt mich einfach nicht wie ich mich fühle.
Plötzlich höre ich laute Stimmen von unserem Haus her --- und dann --- nichts mehr.
Nun fange ich an zu beten.
„Lieber Gott, nimm mir nicht auch noch Werner – bitte, bitte beschütze ihn“.
Mein Puls ist rasend und mein Kotz im Hals wird immer grösser. Die nackte Angst packt mich.
Die Hunde spüren mich natürlich, sie werden unruhig, möchten zu mir, sind aber doch angebunden.
Sie werden langsam aggressiv zu einander. Verständlich, so lange so nah mit nur einer Leine aneinander
gebunden. Aber ich konnte sie ja nicht losbinden, sie wären mit Sicherheit uns immer wieder
nach geschwommen.
Also ich muss unbedingt wieder ruhig werden. Setze mich mitten in die Hunde damit sie sich wieder
sicherer fühlen. Ein Gedanke jagt den anderen. Was ist mit Werner?
Zwischen den Bäumen sehe ich nun, wie sich Leute von unserem Haus fort bewegen.
Aber von Werner keine Spur. Soll ich ihn anrufen?
Aber wenn die das Handy hören nehmen sie ihm das auch noch weg.
Es war die schlimmste halbe Stunde in meinem Leben.
Nun kommt ein Einheimischer auf einem Surfbrett daher und hat eine Gallone Trinkwasser darauf.
In diesem Moment wusste ich, dass es keine Plünderer sondern Helfer waren.
„Gott sei Dank!“ ich war erleichtert – nur was macht Werner denn noch so lang?
Endlich, endlich kann ich ihn sehen. Er kommt mit unserem Überlebenseimer.
Das Wasser steht ihm schon über der Brust, aber er ist da und nur das ist wichtig.









